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Der Hinduismus
ist mit ungefähr 900 Millionen Anhängern die (nach Christentum und Islam)
drittgrößte Religion der Welt, gegründet nach den Vedas, und hat seinen
Ursprung in Indien. Angehörige dieser Religion werden Hindus genannt.
Gläubige Hindus verstehen ihre Religion auch als Lebensart.
Der Hinduismus ist eine Religion,
die aus verschiedenen Richtungen mit recht unterschiedlichen Schulen und
Ansichten besteht. Darum gibt es kein gemeinsames für alle gleichermaßen
gültiges Glaubensbekenntnis. Nur einzelne Richtungen gehen auf einen
bestimmten Begründer zurück, z.B. gehen Anhänger Krishnas davon aus, dass
Krishna in prähistorischer Zeit tatsächlich lebte und ihren Glauben
begründet hat. Da es sich beim Hinduismus um verschiedene Religionen
handelt, gibt es auch keine zentrale Institution, die Autorität für alle
Hindus hätte. Die Lehren über spirituelle Belange und sogar die
Gottesvorstellungen sind in den einzelnen Strömungen sehr unterschiedlich,
selbst die Ansichten über Leben, Tod und Erlösung (Moksha) stimmen nicht
überein. Die meisten Gläubigen jedoch gehen davon aus, dass Leben und Tod
ein sich ständig wiederholender Kreislauf (Samsara) sind, sie glauben an
die Reinkarnation. Für den persönlichen Glauben haben aufgrund der
Vielfalt religiöse Lehrer (Gurus) oft einen großen Stellenwert. Trotz
aller Unterschiede können Hindus der verschiedenen Richtungen weitgehend
gemeinsam feiern und beten, wenn auch ihre Theologie und Philosophie nicht
übereinstimmt. "Einheit in der Vielfalt" ist eine oft verwendete
Redewendung zur Selbstdefinition im modernen

Geschichte des Hinduismus
Vedische
Zeit
Der Hinduismus ist eine der
ältesten der heute noch praktizierten Glaubensformen.
Nach einer Theorie, welche
von Max Müller aufgestellt wurde, wanderten um 2000 v. Chr., am Ende der
Indus-Kultur, arische Stämme nach Nordindien ein, die den kulturellen
Verlauf maßgeblich prägten. Einige indische Historiker dagegen behaupten,
dass die Arier ein schon ansässiger Stamm gewesen seien, der zu dieser
Zeit die Oberherrschaft erlangen konnte.
Zu den ältesten erhaltenen
Schriften Indiens gehören der Rig Veda, der Sama Veda, der Yajur Veda und
der Atharva Veda sowie einige astronomische Texte. Die ältesten indischen
Texte können nicht mit Bestimmtheit datiert werden. Sie erlauben einen
Einblick in das frühe religiöse Leben, das von Tier- und Pflanzenopfern,
rituellen Waschungen und Hymnen an die Götter bestimmt war. Noch heute im
Hinduismus bekannte Götter (Vishnu, Brahma, Saraswati) werden dort bereits
verehrt, wenngleich sie damals noch nicht zu den wichtigsten Gottheiten
zählten.
- Der Rig Veda enthält Hymnen, um die Götter zu preisen und
anzurufen. Er ist von allen Vedas der älteste, die anderen drei Veden
entlehnen etliche Inhalte aus dem Rigveda.
- Der Sama Veda besteht aus Gesängen, die die Opfer musikalisch
begleiten.
- Der Yajur Veda enthält Prosaverse, die bei Opferriten
rezitiert werden.
- Der Atharva-Veda enthält Mantras und Beschwörungen gegen
Feinde und Krankheiten sowie Gebete zur Vergebung für Fehler während der
Opfer.
Die frühe vedische Religion kannte
keine Tempel oder Götterbilder. Die Götter wurden durch Feueropfer
angebetet, man bot Opfergaben des heiliges Safts Soma, Ghi
(Butterschmalz), Milch, Brot und manchmal Fleisch der Tiere dar.
Der Hinduismus ist eine
Verschmelzung von mehreren unterschiedlichen religiösen Systemen: die
altindischen Religionen und die Religion der vermutlich aus dem Norden
eingewanderten Arier. Große Teile der Urbevölkerung Indiens, deren
Geschichte weitgehend im Dunkeln liegt, wurde wahrscheinlich im Laufe der
Zeit immer weiter in den Süden verdrängt. Aus dieser Kultur könnten
Elemente wie die Verehrung von Göttinnen, heiliger Tiere und der
Lingamkult stammen. Im Rigveda (auf ca. 1200 v.Chr. datiert, Datierung
unsicher) der Arier hingegen werden die Götter teilweise als
personifizierte Naturkräfte beschrieben, die Texte erzählen von Gold,
Rindern und Kämpfen und fragen nach dem Wesen des Göttlichen. "Dem, das
Eine Wahrheit ist, geben die Weisen viele Namen, sie nennen Es Agni, Yama,
Matarishvan." (Rigveda 1,164,46)

Zeit der
Upanishaden Hare
Krishna Mantra
In der nächsten Entwicklungsstufe
(ca. 800 v.Chr) erhielt die Brahmanenkaste durch komplizierte Rituale
einen hohen Grad an Einfluss. Eine Neuorientierung beginnt in der Zeit der
Upanishaden (700 v. Chr. bis 500 v. Chr.). Sie wird bereits sichtbar in
den Brahmanas und den Aranyakas und zeigt sich dann in der Philosophie der
Upanishaden. Die Unterteilung in diese drei Textgattungen folgt der
indischen Tradition, allerdings sind die Grenzen zwischen diesen
Textsorten fließend. Die Brahmanas entwickeln eine komplizierte
Opfertheologie, die Aranyakas ("Wald- oder Wildnisbücher") behandeln
Geheimlehren, die nicht in den Siedlungen, sondern außerhalb (eben im
Wald) diskutiert wurden, und die Upanishaden enthalten mystische
Spekulationen. Sie umfassen etwa 250 Schriften, die über mehrere
Jahrhunderte entstanden sind und Themen wie Wiedergeburt, Yoga und Karma
ansprechen. Insbesondere die 13 vedischen Upanishaden haben den späteren
Hinduismus geprägt.
Klassische
Zeit
Das Ende der Upanishadenzeit wird
oft als ein Umbruch angesehen: Die Zeit davor wird in der Indologie
gewöhnlich Brahmanismus genannt, und Hinduismus bezeichnet dann
ausschließlich die nachfolgende Zeit. Seit 500 v.Chr. erfuhr der
Hinduismus wahrscheinlich seine bis heute überlieferte wesentliche
Ausgestaltung. Die Sprache der Überlieferung war Sanskrit, eine
indogermanische Sprache, verwandt mit den europäischen Sprachen. Als
Hauptgötter galten nun Brahma, Vishnu und Shiva und es wurden Tempel
gebaut, Götterstatuen aufgestellt und viele Kult- und Weihehandlungen
entstanden.
Krishna und Rama, nach Hinduglauben
menschliche Verkörperungen des Gottes Vishnu, erscheinen in der epischen
Literatur zwischen 200 v. Chr. und 400. Das Ramayana und das Mahabharata
sind umfangreiche und noch heute vielgelesene Dichtungen dieser Periode.
Der wichtigste Teil des Mahabharata ist das Lehrgedicht Bhagavad Gita. In
diese Zeit fällt auch die Ausformung einer Vielzahl von
Glaubensrichtungen, die einzelne Götter speziell verehren (beispielsweise
Shaktismus, Shivaismus und Vishnuismus) sowie eine Kodifizierung der
brahmanischen Lehre im Dharma Sutra und dem Dharma Shastra.
Seit dem 4. Jh. v.Chr. verloren die
hinduistischen Religionen durch den Buddhismus zwar Anhänger, sie gingen
jedoch nie ganz unter und wurden erst im 4. Jh. von den damaligen Königen
wieder bevorzugt. Die darauf folgende Zeit von 400 bis 1000 ist durch die
Puranas und eine Vielzahl historischer, mythologischer und lehrender
Schriften charakterisiert. In diese Zeit fällt auch der Anfang tantrischer
Traditionen.
Im 8. Jh. gründete der Philosoph
Shankara die ersten hinduistischen Orden.

Die
islamische Invasion
Seit dem 8. Jahrhundert griff der
Islam auf den indischen Subkontinent über und dominierte im 16. und 17.
Jahrhundert unter dem Mogulreich. Im Punjab entstand der Sikhismus.
Der Niedergang des Mogulreiches
fiel mit der Ankunft der East India Company zusammen, die den Hinduismus
mit christlichem und abendländischem Gedankengut konfrontierte.

Neohinduismus
Im 19. Jh. entstanden in Indien
verschiedene religiös-soziale Reformbewegungen, die aus der Begegnung
Indiens mit Europa hervorgegangen sind. Das Kastensystem oder die
Tradition der Witwenselbstverbrennung wurden auch innerhalb des Hinduismus
verstärkt hinterfragt. Im Zuge dieser Entwicklung begannen Hindus sich als
Einheit aufzufassen (was vorher nicht in dem Maße der Fall gewesen war).
Von Anfang an war der Neohinduismus mit den Unabhängigkeitsbestrebungen
verbunden. Die christlichen Missionare in Indien bewirkten weniger ein
Konvertieren zum Christentum als eine Auseinandersetzung mit der eigenen
Religion. Die Übersetzungen der europäischen Indologen von Sanskrit in
Englisch in gedruckter Form hatten zur Folge, dass das traditionelle
Schriftgut auch in Indien einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich
wurde.
Mehrere Organisationen formierten
sich in dieser Zeit. Der Brahmo Samaj (gegründet 1828 von Ram Mohan Roy in
Kalkutta) entwickelte einen monotheistischen Ansatz und sah im absolut
formlosen Brahman den einen und einzigen Gott, das höchste Wesen. Der Arya
Samaj (gegründet 1875 von Dayananda in Mumbai) wollte den Hinduismus von
späteren Einflüssen befreien, die er als Verfälschungen ansah, wie z.B.
den Puranas. Er lehnte den Polytheismus und das Kastensystem ab und sah
nur den Veda als Quelle der Offenbarung an. Beide Organisationen wandten
sich gegen die Bilderverehrung und strebten soziale Reformen an.
Nach dem Vorbild der christlichen
Mission gründete Swami Vivekananda 1897 die Ramakrishna-Mission, mit dem
Ziel die Lehre des Vedanta, den er als Vollendung der Religionen ansah,
auf der ganzen Welt zu verbreiten. Sein Lehrer Ramakrishna vertrat die
Ansicht, alle Religionen der Welt verkündeten dieselbe Wahrheit, die
Vielfalt der Religionen sei jedoch nur Schein (Maya). Die Rede
Vivekanandas vor dem "Weltparlament der Religionen" 1893 in Chicago, in
der er erstmals den Hinduismus als Universalreligion vorstellte, war die
erste Gelegenheit, bei der sich der Hinduismus außerhalb Indiens
präsentierte.
Die Unabhängigkeitsbewegung Indiens
unter Mahatma Gandhi mit seinem gewaltfreien Widerstand, trug zu einem
größerem Interesse an hinduistischen Traditionen in der westlichen Welt
bei.

Verbreitung
Der Hinduismus ist heute in Indien,
Nepal, Bangladesch, Sri Lanka, Bali und selbst in Mauritius, Südafrika,
Fidschi, Singapur, Malaysia, Trinidad und Tobago verbreitet sowie in
Europa besonders in Großbritannien. Dies erfolgte größtenteils durch
Händler und indische Arbeiter, die im 19. und 20. Jahrhundert
einwanderten. In Nepal ist der Hinduismus schon seit dem 4. Jh., in Bali
seit dem 9. Jh. präsent. In beiden Ländern spielte bei der Verbreitung des
Hinduismus die Flucht von Hindus vor islamischen Eroberungen eine Rolle,
in Nepal ab dem 10. Jh. (aus Nordindien) und in Bali im 15.Jh (aus
Java).

Glaubensrichtungen und Lehre
Opfergaben an
Ganesha
Der Hinduismus kennt keine
gemeinsamen Gründer. Jede Glaubensrichtung hat eigene nur für sie
verbindliche heilige Schriften: z.B. Vishnuiten das Bhagavatapurana,
Shaktianhänger das Devi Mahatmyam, einem puranischem Werk zur Verehrung
der Göttin. Dagegen gelten die Veden mit den Upanishaden und die Bhagavad
Gita (als Bestandteil des Mahabharata) als die grundlegenden Heilige Texte
für alle Hindus.
Entgegen dem ersten Anschein ist
der Hinduismus keine polytheistische Religion. Die westliche
Religionswissenschaft und die Indologie bezeichnet ihn als Henotheismus,
da alle Götter - je nach individueller Glaubensausrichtung - Ausdruck des
einen höchsten persönlichen Gottes oder auch der unpersönlichen Weltseele
(Brahman) sein können.
Im Hinduismus wird der Kosmos als
geordnetes Ganzes angesehen, der vom Dharma, dem Weltgesetz, welches die
natürliche und sittliche Ordnung darstellt, beherrscht wird. Die Zentren
der hinduistischen Religiosität sind neben dem eigenen Haus die Tempel.
Einer der größten Tempelkomplexe und Pilgerzentren ist Tirumala Tirupati
in Südindien. In Nordindien zieht die heilige Stadt Varanasi am Ganges
immer wieder Unmengen von Pilgern an.

Gottesbild
Die verschiedenen hinduistischen
Traditionen und Philosophien vertreten verschiedene Gottesbilder, sie sind
letztlich dem Einzelnen überlassen. Die Hauptrichtungen sind jedoch
Shivaismus, Vishnuismus sowie Shaktismus, die aber wiederum völlig
unterschiedliche Gottesvorstellungen beinhalten. Brahma, Shiva und Vishnu
werden auch als Dreiheit Trimurti, dargestellt. Die Verehrung von Shiva
und Vishnu, jeweils in unzähligen verschiedenen Formen und Namen, ist weit
verbreitet. Brahma dagegen ist nur noch in der Mythologie präsent, in der
Verehrung spielt er fast keine Rolle mehr, seine Stelle nimmt seine Shakti
ein, Saraswati. Daneben gibt es aber unzählige andere Manifestationen z.B.
den elefantenköpfigen Ganesha, der als Sohn von Shiva und Parvati gilt
sowie Hanuman, der Diener Ramas, der wiederum ein Avatar von Vishnu ist.
Es gibt auch eine große Zahl weiblicher Gottheiten, die entweder als
'Große Göttin' (Mahadevi) autonom auftreten wie etwa Durga oder als
Gemahlinnen bzw. weibliche Seite der männlich gedachten Götter gelten,
z.B. Sarasvati und Lakshmi. Die meisten Gläubigen gehen davon aus, dass
die Anbetung eines jeden Gottes dem Anbeten des höchsten Göttlichen
entspricht, da alle Erscheinungsweisen des Einen seien. Andere dagegen
verehren das Höchste nur in einer Form, wie etwa viele der Anhänger
Krishnas, und betrachten die anderen Götter als ihm untergeordnete Devas.
Das Verehren des Göttlichen in Bildern dient dazu, dem Gläubigen zu
helfen, Gott in einer einfacheren Weise anzubeten. Viele Hindus lehnen
jedoch die Verehrung des Göttlichen in dieser Form strikt ab.

Hinduistische Theologie
Es ist begrifflich verwirrend, das
deutsche Wort "Gott" in Bezug auf den Hinduismus zu verwenden. Manche
Strömungen des Hinduismus glauben an einen Obersten Gott, benannt als
Ishvara (wörtl.: der Höchste Herr). Es gibt auch
ihm unterstellte Wesen, die Devas genannt werden. Sie können als Götter,
Halbgötter, Engel, Geist oder himmlische Wesen zwischen dem Ishvara und
den Menschen betrachtet werden. Eines der wichtigste Konzepte jedoch ist
das Brahman - der höchste kosmische Geist.
Brahman ist die unbeschreibbare,
unerschöpfliche, allwissende, allmächtige, unkörperliche, allgegenwärtige,
ursprüngliche, erste, ewige und absolute Grundregel. Es ist ohne einen
Anfang, ohne ein Ende, in allen Dingen versteckt und die Ursache, die
Quelle und das Material aller bekannten Schöpfung, selbst jedoch unbekannt
und doch dem gesamten Universum immanent. Die Upanishaden beschreiben es
als das Eine und unteilbare, ewige Universalselbst, das in allem anwesend
ist und in dem alle anwesend sind.
Von manchen Richtungen wird der
Ishvara (oberster Herr) als die manifestierte Form
von Brahman gesehen. Die Illusionskraft, die das Brahman veranlasst als
die materielle Welt, die einzelnen Seelen und der Ishvara gesehen zu
werden, wird Maya genannt. Alle Devas des Hinduismus gelten dieser
Sichtweise zufolge als die weltlichen Äußerungen des einen Ishvara.
Nach Auffassung des Advaita Vedanta
ist der Mensch in seinem Wesenskern mit dem Brahman identisch und diese
Identität gilt es zu erkennen. Advaita Vedanta (Nichtdualität) ist
die Lehre Shankaras (788-820 n. Chr), die auf diese Erkenntnis der Einheit
zielt. Nach Lehre des Vishishtadvaita (qualifizerter Monismus) von
Ramanuja dagegen ist Gott alles was existiert, es besteht jedoch ein
qualitativer Unterschied zwischen Individueller Seele und höchstem Gott.
Am anderen Ende des Spektrums steht die rein dualistische Philosophie des
Dvaita Vedanta des Madhvas, die streng zwischen Seele und Gott
unterscheidet. (siehe: Indische Philosophie)

Die heilige
Schriften
Die vier Veden (bestehend aus dem
Samhitas und drei Schichten Kommentaren, nämlich den Brahmanas, Aranyakas
und den Upanishaden) sind die höchsten heiligen Texte des Hinduismus. Sie
werden Shruti genannt, was "das Gehörte" bedeutet (von den Rishis, den
Weisen, direkt von Gott). Alle weiteren heiligen Texte werden Smriti
(Gedächtnis) genannt und werden als von menschlichem Ursprung angesehen.
Zur Smriti zählen z.B. Ramayana, Mahabharata, Bhagavad Gita und die
Puranas. Die Veden galten früher als geheim und sind schwierig zu
verstehen. Die Smritis sind hingegen einfacher und populärer und werden
von den meisten Hindus gelesen.

Hauptrichtungen
Die wichtigsten Strömungen
innerhalb des Hinduismus sind der Vishnuismus und der Shivaismus.
Vishnuiten glauben, dass ihr höchster Gott Vishnu sich in zehn
Inkarnationen (Avatara) in der Welt manifestiert hat. Vishnu inkarniert
sich vor allem dann in der Welt, wenn die kosmische Ordnung (Dharma)
gefährdet ist und durch einen göttlichen Helden wieder ins Reine gebracht
werden soll. Zu den zehn Inkarnationen zählen auch Rama und Krishna. Die
Idee der Inkarnationenlehre ist, dass Vishnu das höchste göttliche Prinzip
ist, das alle anderen Gottheiten und die materielle Welt hervorbringt.
Einige Schulen des Vishnuismus verkörpern eine monistische Sichtweise, die
der Vedanta-Philosophie entspricht. Andere dagegen vertreten eine
monotheistische Sicht, z.B. viele Anhänger Krishnas. Im Vishnuismus spielt
die Hingabe an einen persönlichen Gott (Bhakti) meist eine viel größere
Rolle als im Shivaismus.
Die Shivaiten glauben, dass Shiva
das höchste Wesen ist, das alle anderen Götter an Macht übertrifft und sie
zudem erschaffen hat. Shiva ist der Gott der Asketen, der im Himalaya
meditiert, und in periodischen Zyklen die Welt zerstört, um sie Kraft
seines Yogas wieder neu zu schaffen. Shiva wird, mit Ausnahme des Nataraj,
nicht figürlich, sondern in seinem Symbol, dem Lingam, verehrt. Shivaiten
können Dualisten, wie im Shaiva Siddhanta, oder Monisten im Sinne
Shankaras, oder auch Tantriker, wie im Shivaismus Kashmirs sein. In
manchen Strömungen des Shivaismus spielt Yoga eine sehr große Rolle.
Neben Shivaismus und Vishnuismus
spielen auch noch die Richtungen des Tantra und des Shaktismus eine Rolle
im Hinduismus.

Wiedergeburt und
Erlösung
Götter, Menschen und Tiere
durchwandern nach hinduistischer Glaubensvorstellung in einem durch ewige
Wiederkehr gekennzeichneten Kreislauf Samsara die Weltzeitalter Yuga.
Während des Lebens wird je nach Verhalten gutes oder schlechtes Karma
angehäuft. Dieses Gesetz von Ursache und Wirkung von Handlungen
beeinflusst nach hinduistischer Vorstellung zukünftige Reinkarnationen und
die Erlösung (moksha), das Aufgehen des Atman (Atman ist das innewohnende
Brahman). Es ist nur bedingt zu vergleichen mit der Seele, da die Seele
etwas Individuelles (also bei jedem verschieden) und das Atman immer das
gleiche ist im "kosmischen Bewusstsein" (Brahman). Die persönliche
Erleuchtung ist der Endpunkt der Entwicklung des Geistes und je nach
Realisation des Suchenden kann diese durch die klassischen vier Methoden
erreicht werden: 1. Bhakti Yoga, die liebende Verehrung Gottes, 2.
Karma-Yoga dem Weg der Tat, 3. Jnana Yoga, dem Weg des Wissens, 4.
Raja Yoga, dem "Königsweg" des Yoga.

Die heilige Kuh und
vegetarische Nahrung
Möglicherweise auch als Reaktion
auf den Vegetarismus im Buddhismus und auf die gestiegene Bedeutung von
Ahimsa, der Gewaltlosigkeit, forderten die hinduistischen Schriften
verstärkt Verzicht auf den Fleischverzehr. In vedischen Zeiten waren die
Lebensumstände noch völlig anders. In einigen Schriften gibt es Hinweise,
dass Fleisch, selbst Rindfleisch, gegessen wurde, wobei es sich aber stets
um das Fleisch von Opfertieren gehandelt haben dürfte.
Allgemeiner Vegetarismus ist jedoch
für Hindus weder eine Forderung noch ein Dogma, jedoch wird die
vegetarische Lebensweise als die ethisch höhere angesehen, da Fleisch ein
Produkt der Tötung ist und nicht sattvic (rein). Vegetarier sind in allen
Bevölkerungsschichten zu finden, besonders wird der Verzicht aber von
Brahmanen erwartet. Prinzipiell lehnen aber fast alle Hindus den Genuss
von Rindfleisch ab.
In der indischen Mythologie finden
sich vielfältige Bezüge zur Kuh (Go). Von Krishna wird gesagt, er
sei einerseits ein Govinda (Kuhhirte) und andererseits ein
Gopala (Beschützer der Kühe). Seine Gefährtin Radha ist eine
Gopi (Hirtenmädchen), Shivas Reittier ist ein Bulle
(Nandi).
Siegel aus vergangenen indischen
Kulturen (Indus-Kultur) lassen darauf schließen, dass Kühe schon vor mehr
als viertausend Jahren einen hohen Stellenwert hatten. Die wichtigsten
Wurzeln für die Verehrung sind jedoch die Veden, in denen immer wieder das
Bild der Kuh als göttliches Wesen auftaucht. Trotzdem wurden Rinder in
Indien zur Zeit des Neolithikums uneingeschränkt geopfert und verspeist.
Warum und wann sich dies änderte ist unklar. Der Kulturanthropologe Marvin
Harris führt die Tatsache auf veränderte ökonomische Rahmenbedingungen
zurück: Mit dem Aufkommen des Staates und einer größeren
Bevölkerungsdichte konnten nicht mehr genügend Rinder gezüchtet werden, um
sowohl als fleischliche Nahrungsquelle als auch als Zugtiere genutzt zu
werden. Möglicherweise war das einer der Gründe, dass die Tötung von Kühen
auch als Opfertier für Hindus ein absolutes Tabu wurde und ihr Fleisch bis
heute nicht gegessen wird. Interessanterweise waren es gerade die früher
für die rituelle Rinderschlachtung verantwortlichen Brahmanen, die sich
später am stärksten für den Schutz der Rinder einsetzten.

Ethik und Soziologie des Hinduismus
Kastensystem
Die Zugehörigkeit zu einer Kaste
hat für indische Hindus trotz Abschaffung des Kastensystems in der
Verfassung weiterhin große soziale Wichtigkeit. Grundsatz der
Kastenordnung ist, dass die Lebewesen von Geburt an nach Aufgaben,
Rechten, Pflichten und Fähigkeiten streng voneinander getrennt sind. Für
die einzelnen Kasten (Varnas) gibt es unterschiedliche spezielle religiöse
und kultische Vorschriften, die sich in allen Bereichen des Lebens äußern.
Die Durchführung der Pflichten , die jeder Kaste in ihrem spezifischen
Lebensstadium obliegt, ist ihre unbedingte Pflicht (Dharma); Übertretungen
werden als Versäumnis der Pflichten und folglich als schlecht (Adharma)
angesehen. Was von jedem Menschen erwartet wurde, war, dass er den
spezifischen Pflichten seiner Kaste folgte, seine Lebenswünsche
befriedigte und die Freuden des Lebens genoss. Die Gesellschaft war in
vier Kasten eingeteilt , deren Aufgaben idealer Weise folgende waren: 1.
Brahmanen Sie studierten die heiligen Schriften der Veden; erteilten
geistliche Unterweisung und führten die rituellen Opfer aus. 2.
Kshatriyas, die Kriegerkaste Sie sollten die Schwachen schützen, als
Könige gerecht regieren und den Brahmanen Schutz und Ermunterung bei ihren
gelehrten und priesterlichen Arbeiten gewähren. 3. Vaishyas, die Kaste der
Händler und Hirten sollten den Reichtum des Landes durch Handel und
Landwirtschaft vermehren. 4. Shudras, die dienende Kaste Sie setzten sich
aus der Bevölkerung der Nicht-Aryas zusammen und sollten als Bedienstete
für die Brahmanen, Kshatriyas und Vaishyas arbeiten.
Unterhalb der vier Hauptkasten sind
die Dalits ( früher als Unberührbare bezeichnet), die für minderwertige
Arbeiten wie Toilettenreinigen und Straßenkehren zuständig sind. Um die
Stellung der Dalits zu verbessern, hat die Regierung eine beträchtliche
Anzahl von Arbeitsplätzen im Öffentlichen Sektor für sie vorbehalten.
(Lonely Planet (11th Edition, S. 58 ) Die Kasten sind wiederum unterteilt
in Tausende von "Familiengruppen" oder soziale Gemeinschaften, die
Jati genannt werden. In sie wird ein Individuum hineingeboren und
sie sind manchmal - aber nicht immer - mit einer beruflichen Tätigkeit
verbunden. Obwohl das Kastenwesen im Hinduismus entstanden ist, wird es
dort auch von anderen Religionen praktiziert. So hat die Christianisierung
das Kastenwesen nicht immer überwunden. Noch heute müssen in vielen
Kirchen Indiens Angehörige der unteren Kasten hinten sitzen.

Rolle der
Frau
Die Stellung der Frau im Hinduismus
hat über die Jahrhunderte und Jahrtausende eine kontinuierliche
Entwicklung durchgemacht und muss immer auch im Zusammenhang mit den
jeweiligen Lebensumständen sowie der verschiedenen hinduistischen Kulturen
gesehen werden. Einerseits verboten einige Gesetzgeber den Frauen das
lesen der Veden, einige Hymnen des Rigveda jedoch wurden von Frauen
geschrieben, und in der Brhadaranyaka Upanishad finden wir einen
Dialog zwischen der gelehrten Tochter von Vachaknu Gargi und Yajnavalkya.
Aus dieser Zeit ist auch die Sitte des Svayamvara überliefert, wörtlich
"Selbstwahl": Frauen am Königshof wurden nicht einfach verheiratet,
sondern wählten den Bräutigam aus den in Frage kommenden Kandidaten selbst
aus.
Ein zentrales Ritual, das
Upanayana (Initiationsritus für Knaben) ist von frühester Zeit an jedoch
nur männlichen Angehörigen der oberen Kasten vorbehalten. Es ist diese
kultische Handlung, die einen Menschen zum "Dvijati" werden lässt, zum
"Zweimalgeborenen". Nach der natürlichen Geburt stellt das Upanayana die
kulturelle Geburt dar.
Eine wichtige Rolle im
hinduistischen Frauenbild stellt Sita dar, die Gattin Ramas aus dem großen
Epos Ramayana. Das Bild der opferbereiten Gattin stellt für viele noch
heute das Modell der idealen Frau dar. Sie wurde dadurch zum wichtigen
Thema im indischen Feminismus und in der modernen indischen Literatur.
Einerseits kann man aus heutiger
Sicht bemängeln, dass hinduistische Traditionen Frauen
oft nicht die Rechte zugestehen, die ihnen aus moderner Sicht zustehen
würden. Andererseits war etwa Professor H.H. Wilson der Ansicht, dass
Frauen in keiner anderen antiken Nation in so großer Achtung standen wie
bei den Hindus.

Mutterschaft
Eine der vorrangigsten Aufgaben der
Frau im Hinduismus ist die Mutterschaft. Jedes Stadium der Schwangerschaft
bis hin zur Geburt wird begleitet von sakramentalen Riten zum Schutz und
zu körperlichem und geistigem Wohlergehen von Mutter und Kind. Früher
sollten Frauen möglichst viele Söhne bekommen, da diese die Sicherheit und
das Überleben der gesamten Familie garantieren konnten. Obwohl Hindus die
Töchter nicht generell geringer schätzen, gelten sie doch zu oft auch
heute noch in manchen Familien als Belastung, da sie bei ihrer Hochzeit
die Mitgift mitbringen müssen und die Familie durch Mitgiftzahlungen für
zu viele Töchter auch verarmen kann. Dieses Problem führt zu einer hohen
Abtreibungrate bei weiblichen Föten. Viele moderne Hindus, besonders in
den Städten, freunden sich allmählich mit dem Gedanken an, dass auch eine
Tochter ihre Eltern im Alter versorgen kann.

Familie
Normalerweise ist in der
traditionellen Familie der Vater das Oberhaupt. Er trifft alle wichtigen
Entscheidungen, beispielsweise über Geldangelegenheiten, Hochzeit usw. -
zumindest soll es nach außen hin so scheinen. Traditionellerweise ist die
Mutter-Sohn Bindung die engste im indischen Familiensystem. Meist wohnt
der Sohn mit seiner Ehefrau im Haus der Eltern, wenn die räumlichen
Verhältnisse dies zulassen. Bei den Töchtern jedoch ist auch heute noch
meist von vorneherein klar, dass sie das Haus verlassen werden, um in die
Familie des Ehemannes zu ziehen. Dies ist nicht einfach für die junge
Ehefrau. Sie ist diejenige in der Familie mit den wenigsten Rechten, ihr
Status verbessert sich oft erst, wenn sie Kinder (am besten einen Sohn)
bekommt. Ältere Frauen, d.h. Schwiegermütter, haben oftmals einen sehr
soliden Status und sind mit genügend Autorität ausgestattet. Eine soziale
Rolle, die im Hinduismus traditionell nicht sehr angesehen ist, ist die
der unverheirateten Frau. Ledige Frauen wohnen in Indien meist nicht
alleine, sondern weiter im Haushalt der Eltern. Das Verhältnis zwischen
Ehegatten ist in erster Linie von Pragmatismus geprägt. Bei einer
"arranged marriage" sucht die Familie jene Person als Ehemann bzw. Ehefrau
aus, die in Bezug auf Bildung, Status etc. am ähnlichsten ist. Die Liebe
kommt später, sagt man in Indien. Das sei wie ein Topf Wasser, den man auf
den Herd stelle und der eben erst später zu kochen anfange. Sogenannte
"love marriages" sind jedoch heute immer häufiger.
Das Ideal ist ein vierstufiges
Lebensmodell, das vorsieht, nach den Schülerjahren eine Familie zu gründen
und erst nachdem die Kinder erwachsen geworden sind, sich zurückzuziehen
und sich intensiv religiösen Studien und der eigenen Erlösung zu
widmen.
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